Auf einer Beerdigung fotografieren?

ZentralfriedhofMeine kurioseste Anfrage? Ganz leichte Antwort: Eine Beerdigung fotografieren! Ja, richtig gelesen. Es ist schon etwas länger her, ich war erst kurze Zeit nebenberuflicher Fotograf, da kam eine sehr ungewöhnliche Mail von einem Bekannten. Der Text war kurz und bündig, aber der Inhalt relativ klar: Ein Mitglied der Familie ist überraschend verstorben und die Witwe hat sich explizit gewünscht, dass auf der Trauerfeier fotografiert wird.

ZentralfriedhofSo kurz und deutlich. Gerade deswegen war ich ziemlich verwirrt. Wir telefonierten bezüglich der Gründe, die für mich sehr verständlich waren (z. B. Angehörige, die kurzfristig nicht erscheinen konnten) und besprachen andere Details. Im Grunde wurde ich gefragt, weil keiner der emotional belasteten Angehörigen diesen Job übernehmen sollte. Ich erbat mir eine Nacht Bedenkzeit.

Die Gründe waren für mich plausibel und nachvollziehbar und die Witwe hat explizit den Wunsch geäußert. Warum also nicht? Weil die Stimmung nicht motiviert zu Fotografieren, weil man noch weniger Stören möchte als auf einer Hochzeit und die Bilder noch besser sitzen müssen als bei einer Hochzeit. Es gab gute Gründe den Auftrag nicht anzunehmen. Vielleicht hätte ich das auch getan, wäre es kein Bekannter gewesen. Er ist selbst freiberuflich unterwegs  und weiß deshalb, dass man keine 3 Stunden für 100 Euro knipsen kann. Ich stehe auch dazu, dass ich als relativer Anfänger auch froh war überhaupt Jobs zu bekommen und Geld zu verdienen. Natürlich ging es auch darum weiter Erfahrung zu sammeln. Ich schränke meine Bereiche die ich fotografieren möchte nicht derart ein, dass ich sage „mache ich grundsätzlich nicht“. Wenn ich gefragt werde einen Fotjob zu machen fühle ich mich zunächst einmal geehrt und schätze dann ein, ob ich ein Ergebnis abliefern kann das beide Parteien zufrieden stellt. In dem Fall war ich mir sicher, dass ich das hinkriege. In anderen Fällen habe ich abgelehnt und in wieder anderen Fällen sage ich „Habe ich noch nie gemacht, kann ich gerne ausprobieren und wir schauen später, ob ihr zufrieden seid und was es euch wert ist.“

ZentralfriedhofEs ging also für mich an einem Vormittag in Richtung Friedhof. Das Wetter war dem Anlass angemessen: Grau und regnerisch. Spätestens als mein Bekannter mir die Witwe vorstellte, war ich sicher, dass meine Entscheidung den Job zu machen richtig war. Lange und ausführlich wurde mir gedankt, wir sprachen kurz über den Ablauf und wichtige Motive, der Trauredner ist ein ehemaliger Kollege des Verstorbenen, Bilder von ihm sollen im Nachruf der Mitarbeiterzeitung abgedruckt werden. Im Anschluss wurde noch betont, dass ich beim Kaffee/Kuchen doch auch eingeladen sei und dort nicht fotografieren brauche. Ein wichtiges Detail, an das ich nicht gedacht hatte erledigte mein Bekannter, als er sagte „Die meisten Gäste wissen auch, dass ein Fotograf da ist und gucken dich hoffentlich nicht so fragend an.“

Noch bevor die Zeremonie begann hatte ich die wohl wichtigsten Schüsse im Kasten: Saal, Urne, ZentralfriedhofUrne inkl. Kränze. Dann kam der wichtige Trauerredner, der Trauermarsch zum Grab, die dortige Rede und zum Schluss das geschmückte Grab. Dann ging es zum gemeinsamen Beisammensein in ein naheliegendes Lokal. Dort wurde ich wieder mit Dankbarkeit der Witwe überschüttet. Es war schon fast unangenehm und dachte mir „Ich bekomme Geld dafür nun machen Sie sich mal locker.“ Ich trank eine Apfelschorle, aß zwei belegte Brötchen und trank noch einen Kaffee. Es war eine schöne Location, die Stimmung war gelöster. Ich habe dann doch noch ein paar Bilder gemacht, wie die Leute zusammensitzen, das würde den Tag gut zusammenfassen. Und das Feedback bekam ich auch von den Auftraggebern: Auftrag erfüllt und mit den Bildern vom netten Beisammensein einen schönen Schluss gefunden.

In jedem Fall habe ich es nicht bereut auf einer Beerdigung zu fotografieren. Es war eine interessante Erfahrung. Warum nicht mal über seinen Schatten springen und nicht nur die schönen Momente festhalten? Wenn sich die Witwe in diesen Momenten der Trauer einen Fotografen wünscht sehe ich es auch in gewisser Weise als Verpflichtung dem Wunsch nachzukommen, wenn ich mir die Aufgabe zutraue. Ich betone immer, dass ich mich als Fotograf als Dienstleister verstehe und dazu gehört es meines Erachtens eben auch solche Aufträge anzunehmen, die nicht auf Anhieb Spaß bereiten. Statt Spaß erntete ich an diesem Tag vor Allem eins: Dankbarkeit und die Gewissheit einen wichtigen Job gemacht zu haben.

PS: Die hier gezeigten Bilder sind vor langer Zeit auf dem Wiener Zentralfriedhof entstanden.

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